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Mary & Max PDF Drucken E-Mail
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Geschrieben von Daniel Krischker   
Donnerstag, 22. Juli 2010

Die Vorstadt als das Tor zur Hölle. Immer wieder wird das Surburbia-Motiv in Filmen für eine meist eher niederschmetternde Geschichte herangezogen. Dasselbe gilt für körperliche wie seelische Gebrechen, Themen wie Vereinsamung, Alkoholismus und unerfüllte Liebe. Es erscheint daher zunächst wie ein Himmelfahrtkommando, wenn ein Filmemacher glaubt, aus diesen Zutaten eine heitere, ermutigende und höchst unterhaltsame Erzählung basteln zu können. Der australische Animationskünstler Adam Elliot hat sich bei der Verwirklichung seiner verwegenen Idee von nichts und niemandem aufhalten lassen. Als Referenz diente ihm dabei sein Oscar-prämierter Kurzfilm „Harvie Krumpet“, der mit viel Witz und Charme das Leben eines vom Pech verfolgten Tourette-Patienten nachzeichnete.
In seinem Langfilmdebüt schenkt Elliot gleich zwei Außenseitern seine volle Aufmerksamkeit. Mary ist, als wir sie kennenlernen, gerade einmal acht Jahre alt. Sie wächst Mitte der siebziger Jahre in einem schmucklosen Vorort von Melbourne auf. Ihr Vater arbeitet in einer Teebeutelfabrik und stopft in seiner Freizeit tote Vögel aus, ihre Mutter ist Alkoholikerin und notorisch schlecht gelaunt. Freunde hat Mary keine und so sucht sie sich andere Beschäftigungen. Eines Tages beschließt sie, einer zufällig ausgewählten Person in New York einen Brief zu schreiben. Das Schicksal erwählte den 44-jährigen Max Horovitz. Max lebt ein recht zurückgezogenes Leben. Er liebt Schokoladen-Hot-Dogs, guckt Kinderserien und geht ansonsten nicht gerne aus dem Haus. Über Marys Brief und dessen Inhalt – Mary fragt sich, ob die Babys in Amerika womöglich aus Cola-Dosen „schlüpfen“ – ist er zunächst verwundert. Und doch entschließt er sich, ihn zu beantworten.


Es ist der Beginn einer mehr als ungewöhnlichen Brieffreundschaft über Kontinente, Jahre und einen nicht unerheblichen Altersunterschied hinweg. Mary und Max schreiben über das, was sie gerade erleben, was sie beschäftigt und was ihnen ganz einfach wichtig ist. Adam Elliots Film mag vor dem Hintergrund dieser einfachen Prämisse wenig spektakulär anmuten, tatsächlich fällt das nach einer Produktionszeit von fünf Jahren fertig gestellte Resultat ungemein kurzweilig und unterhaltsam aus. Das liegt vornehmlich an Elliots Blick für Details, seiner Liebe für die Figuren und die klassische Stop-Motion-Technik. Letztere verleiht „Mary & Max“ einen – im positiven Sinn – durchaus altmodischen, nostalgischen Look, über den sich ein unmittelbarer Zugang zu den beiden Titelhelden ergibt. Hier scheint kein Computer mit gigantischer Rechenleistung zwischen ihnen und uns zu stehen. Das stringente Farbkonzept, bei dem Marys und Max’ Welt von Elliot in jeweils unterschiedliche Braun- und Grautöne getaucht und um einzelne rote Farbtupfer ergänzt wurde, funktioniert zudem als unverwechselbarer Fingerabdruck.


„Mary & Max“ erzählt eine zu gleichen Teilen humorvolle wie tieftraurige Außenseiter-Geschichte. Auch wenn das stimmt und sowohl Max als auch Mary zahlreiche Schicksalsschläge meistern müssen, bleibt der Ton stets hoffnungsvoll und lebensbejahend. So berichtet der am Asperger-Syndrom, einer Form des Autismus, erkrankte Max seiner Brieffreundin in einem Halbsatz vom Tod der Nachbarin und einem Millionengewinn – ganz so, als sie beides nicht wirklich etwas Außergewöhnliches. Auf der anderen Seite sorgt die kindlich-naive Perspektive Marys immer wieder für wunderbare Brüche mit den dramatischen Ereignissen in ihrem Elternhaus. Wie unverkrampft Elliot auf der Klaviatur großer Emotionen spielt, wird vor allem zum Ende hin deutlich. Er schenkt uns eine Auflösung, die ohne sentimental oder verkitscht zu wirken tief berührt. Konsequenterweise hat man zu diesem Zeitpunkt längst vergessen, dass sich für 90 Minuten alles um zwei sonderbare Knetfiguren drehte.


Marcus Wessel

 
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